Das Element Wasser fasziniert die Menschen seit jeher – es ist Ursprung des Lebens und wirkt durch seine Bewegung und Vielseitigkeit auf Körper und Sinne.
Für junge Menschen mit schwerer Behinderung bietet der Aufenthalt im Wasser bzw. das Schwimmen mit Behinderung zahlreiche Vorteile: Durch die Auftriebskraft erleben sie eine außergewöhnliche Entlastung, spüren sich neu und können unter Umständen Bewegungen durchführen, die außerhalb des Wassers nicht möglich wären.
Doch wie können Betreuende das Schwimmerlebnis für Menschen mit Einschränkungen optimal gestalten? In diesem Artikel gebe ich Ihnen praxisnahe Tipps, um den Schwimmbadbesuch angenehm und sicher zu gestalten.

Die Bedeutung des Schwimmens für Menschen mit Behinderung
Im Wasser erleben wir uns anders – ein lebendiges Element, das alle Sinne anspricht. Für Menschen mit schweren Behinderungen bietet das Schwimmen:
- Körperliche Entlastung: Das Körpergewicht ist reduziert, was Mobilität fördert.
- Selbstständige Bewegungen: Im Wasser werden Bewegungen oft selbstständig ausgeführt.
- Neue Positionen: Durch das Schweben können Positionen eingenommen werden, die in der Schwerkraft durch individuelle Körper oft nicht möglich sind.
- Direkte Wahrnehmungsreize: Temperatur, Druck und Licht übertragen sich unmittelbar auf die Haut, und das Wasser spricht die Sinne vielseitig an.
- Auftriebserfahrungen: Die Leichtigkeit im Wasser ermöglicht ein neues Körpergefühl und kann auch die Psyche positiv beeinflussen.
Ziele eines Schwimmbadbesuchs für Menschen mit schwerer Behinderung
Das Schwimmen mit Behinderung bietet wertvolle Möglichkeiten für die Förderung und das Wohlbefinden:
- Motorik fördern: Die Beweglichkeit kann erhalten oder sogar verbessert werden.
- Körperkontakt und Vertrauen: Durch die körpernahe Begleitung wird Vertrauen und Verbundenheit gestärkt.
- Stimulation und sensorische Anreize: Das Wasser liefert ein umfassendes sensorisches „Input“ für die Betroffenen und fördert so in Lernen.
- Spaß und Freude: Das Erleben des Wassers wird als freudige Erfahrung empfunden – und das ist meist eins unserer Hauptziele in der Begleitung von Menschen mit schwerer Behinderung: mehr Lebensqualität.
- Selbstwahrnehmung stärken: Sich selbst zu spüren und den eigenen Körper zu erfahren, schafft eine tiefere Verbindung zum eigenen Körper, verringert Schmerzen – besonders bei Wahrnehmungsstörungen und Bewegungseinschränkungen.

Organisation und Planung des Schwimmbadbesuchs
Ein guter Schwimmbadbesuch für Menschen mit Behinderung beginnt mit einer sorgfältigen Vorbereitung:
- Geeignetes Bad finden: Nicht jedes Schwimmbad ist barrierefrei, daher prüfen Sie die Ausstattung vorher.
- Notwendige Sachen packen: Hilfsmittel, Kleidung und eventuell Pflegeprodukte mitnehmen.
- Weg und Zeiten planen: Idealerweise eine ruhige Zeit wählen, in der das Bad weniger frequentiert ist. Fahrt planen, wie kommt man dahin?
- Zusätzliche Unterstützung organisieren: Für Sicherheit und Bewegungsunterstützung sollte mindestens ein Betreuer 1:1 anwesend sein.
Grundlagen für einen sicheren Schwimmbadbesuch für Menschen mit Behinderung
Einige Grundlagen sind wichtig, um das Erlebnis Schwimmen mit Behinderung sicher und positiv zu gestalten:
- Vertrauensbasis schaffen: Durch das enge Miteinander und die Abhängigkeit der Betreuten ist Vertrauen unabdingbar.
- Sicherheit und Achtsamkeit: Ein achtsames und bewusstes Vorgehen sorgt für eine entspannte Atmosphäre.
- Zeit und Geduld mitbringen: Positionswechsel und Transfers können viel Zeit und Energie erfordern.
- Mut und Energie: Ein Schwimmbadbesuch erfordert eine direkte körperliche Nähe. Das Wasser und die Umgebung kostet viel Kraft und macht schlapp und müde.
Der Weg ins Wasser
Der Übergang ins Wasser wird je nach Ausstattung des Schwimmbades, des Könnens des Begleiters und Vorlieben des Menschen mit Behinderung unterschiedlich gestaltet. Das Konzept Kinästhetik bietet hier eine große Hilfestellung um Bewegungen angepasst zu gestalten (hier den nächsten Kurs suchen) >klick). Hier einige Beispiele:
- Lifter nutzen: Viele barrierefreie Bäder bieten Lifter an, die den Transfer erleichtern.
- Knietransfer: von dem Rollstuhl auf eine Matte am Beckenrand und von dort in das Becken.
- Tragen oder Treppe nutzen: Die individuellen körperlichen Fähigkeiten entscheiden über die geeignete Variante.

Angebote und Aktivitäten für Menschen mit Behinderung im Schwimmbecken
Sobald der Betreute im Wasser ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Erlebnis individuell anzupassen. Für alle professionell Unterstützenden ist hier das Konzept der Basalen Stimulation unabdingbar: angepasste grundlegende Angebote für Menschen mit schwerer Behinderung mit entsprechender Haltung und somatischen Dialog (hier den nächsten basalen Kurs finden >klick).
- Wassergewöhnung: Zeit geben, um sich an das Wasser zu gewöhnen.
- Animation zur Eigenbewegung: Durch spielerische Bewegungen den eigenen Bewegungsdrang fördern.
- Tauchen und Schweben: Das Gefühl des Schwebens fördert Entspannung, und leichtes (Unter-)Tauchen kann anregend sein.
- Senkrecht sein: in der Schwerelosigkeit des Wasser ist die aufrechte Position oft einzigst möglich – und das macht uns Menschen aus.
- Bewegungsübungen: Sanftes Bewegen und Mobilisieren der Gelenke hilft, die Beweglichkeit zu fördern. Etwa auch des Greifen von Gegenständen oder das Klettern.
- Biographische Elemente einbringen: Bekannte Bewegungsabläufe oder Spiele können ein Gefühl der Vertrautheit schaffen.
- Entspannung im warmen Wasser mit vertrauensvollen Körperkontakt helfen die Körperspannung zu reduzieren und Spastiken langfristig zu minimieren.
- Der Körper wird den Menschen mit Behinderung im Wasser deutlich gemacht, besonders durch Bewegungen und Wellen bei Menschen mit Einschränkungen in Bewegung und Wahrnehmung.
Wirkung und Nutzen des Schwimmens für Menschen mit Behinderung
Ein Schwimmbadbesuch bringt viele Vorteile:
- Beziehungsstärkung: Durch das gemeinsame Erlebnis intensiviert sich die Beziehung.
- Bewegungsförderung: Regelmäßiges Schwimmen fördert Beweglichkeit und Bewegungsfähigkeit.
- Förderung von Kreislauf und Lymphe: Die Bewegung im Wasser regt Kreislauf und Lymphsystem an.
- Steigerung der Lebensqualität: Der Kontakt mit dem Wasser und das Gefühl von Freiheit wirken sich positiv auf das Wohlbefinden aus.
- Erinnerungen schaffen: Schwimmbadbesuche können zu schönen Erinnerungen werden.
Das perfekte barrierefreie Schwimmbad
Für eine rundum positive Erfahrung sollte das Schwimmbad barrierefrei und gut ausgestattet sein. Vielleicht können Sie darauf auch Einfluss nehmen?
- Einstiegshilfen: Flache, rutschfeste Treppen mit beidseitigem Geländer, Rampen und Lifter erleichtern den Zugang.
- Angenehme Wasserumgebung: Sprudler, Wellen, Reeling mit Unterbrechungen, verschiedene Beleuchtungsmöglichkeiten und angenehme Wassertemperatur (über 30°C) schaffen eine einladende Atmosphäre.
- Hilfsmittel: Schwimmwesten und Auftriebshilfen, Absauggeräte und Spielzeuge wie Badeenten oder Matten bieten zusätzliche Unterstützung und Spaß.
- Ausstattung im Umkleidebereich: Barrierefreie Duschen mit beweglichen Duschkopf am langem Duschschlauch, Liegen für den Transfer und rutschfeste Fliesen sind entscheidend für eine sichere Nutzung.
- Luxusvarianten: verstellbare Bodentiefe, Musik über und unter Wasser, Bodenstruktur für Stimulation und Orientierung
Fazit
Ein Schwimmbadbesuch kann für junge Menschen mit schwerer Behinderung zu einem ganz besonderen Erlebnis werden, wenn Betreuende ihn sorgfältig planen und auf die individuellen Bedürfnisse eingehen. Vertrauen, Geduld und Achtsamkeit sind dabei essenziell. Wenn das richtige Schwimmbad gefunden ist und eine gute Vorbereitung erfolgt, bietet das Wasser zahlreiche Vorteile für die körperliche und psychische Gesundheit.
Die Fotos entstanden im Rahmen der Arbeit mit der Björn-Schulz-Stiftung in Berlin. Hier findet auch regelmäßig eine Schulung zu dem Thema Bewegungsbad statt. Wer mehr lesen möchte: hier ein Bericht einer pflegenden Mutter dazu >klick
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